(soll angeblich auch im Schlamm hilfreich sein,
habs aber noch nie probiert)
Ein Wintermärchen
Aber bei Eiseskälte durchgefroren mit der Feinmotorik eines Parkinsonpatienten,
unter dem schleichenden Verlust jeglicher Haptik, die Hände werden per Sehsinn gesteuert,
"Fingerspitzengefühl" ist eine ferne Erinnerung aus besseren (sprich: "wärmeren") Tagen,
zwischen der Zwillingsbereifung der Hinterachse
verweifelnd
das x-te Mal versuchend die Enden der Schneeketten ineinander einzuhängen...und dann klappt es doch noch...!!
Kreuz und Quer wird straffgespannt, der Sinn für Symmetrie ist nicht so wichtig wie blosse Funktion; halten muss die Sache!
Dann, zögerlich, der erste Anfahrversuch - es raschelt schon ganz fein Schneeketten-metallisch - Hurra! Es hält! Drei, Fünf, Zehn, gar Zwanzig (!)Meter geht er!
Jetzt nicht nachgeben, euphorisch aufzuatmen, dafür wäre es noch zu früh!
Nochmals alle Kräfte aufbieten und von der noch (rest-) warmen Kabine ein letztes Mal raus. Nachspannen.
Zwei, drei beherzte Züge, ein Kettenglied geht noch; komm!
Die Hände in die Hüften gestemmt - eine Pose nur für dich allein - ein, wie du denkst, "fachmännischer Blick" auf dein Werk (nur zu, es kann dich niemand sehen, dunkel ist's schon lang'),
vielleicht nimmst du eine Hand an das Kinn, um dem nichtexistenten Publikum Nachdenklichkeit vorzuspielen. Doch auch dies nur ein Schauspiel, um das Lächeln, das sich um deine Mundwinkel zu spielen beginnt, zu verbergen. Es macht aber auch nichts, wenn man dich sehen würde, denn ein Lächeln hast du dir verdient!
Rein in die gute Stube, Tür ganz schnell wieder zu, es ist ja doch eiseskalt draussen!
Zündung, Motor an (wenn ihn nicht eh hast laufenlassen, um ja kein Risiko in dieser verschneiten Einöde einzugehen). Wagen mit der Bremse halten. Kupplung kommt. Kupplung schleift...Kiste nimmt Vorwärtsmoment an - einen Augenblick stockt dein Herz, als die Hinterräder an Ort und Stelle ein Viertelumdrehung durchrutschen - und dann kommt endlich (endlich!) wieder Bewegung in die Sache!
Jetzt setzt schon wieder Routine ein (das Lächeln weicht dem professionellen Gesichtausdruck des Kartenspielers). Während du dir noch in Gedanken selbst auf die Schulter klopfst, übernehmen deine Reflexe das Tagesgeschäft; Scheibenwischer an! Linke knallt das Fernlicht rein! Eine immer noch kälte-taube rechte Hand, wechselnd in den Pausen der Schaltvorgänge zwischen Schaltknauf und den Rippen des mittlereren Warmluftausströmers, hat jetzt Endstadium Parkinson...überhaupt - merkst du es? - erst jetzt schlottert dein ganzer Körper! Knie, Arme, Oberschenkel, Bauchmuskulatur, alles zittert!
Und doch, du bist zufrieden! Froh, das wieder einmal geschafft zu haben. Die Kiste rollt. Traktion wie aus der Winterreifenwerbung. Fährt wie auf Schienen.
Heizgebläse, Rasseln der Ketten und das Klappern deiner Zähne bilden die Hintergrundmusik zu den bildhaften, sich immer wiederholend abspielenden Schlüsselszenen des soeben hinter-dich-Gebrachten: Wie du zuerst geflucht hast, als die Hinterräder leer drehten (die Unflätigkeiten sind sonst so nicht deine Art, du wusstest nur nicht, wie du anders der aufkommenden Panik hättest beikommen können, es sei dir vergeben); dann, bald schon: die Einsicht. Es ist nicht dein erster Winter. Du weisst, was zu tun ist, alles andere bringt nichts! Dann der nächste Schreckmoment: ob die Plastikkiste mit den Ketten noch auf der beifahrseitigen Trittstufe liegt? (Mehr unterbewusst hast du sie beim ersten Schnee vor den Augen deiner sprücheklopfenden Kollegen kurzerhand in die Karre geschmissen, sicher ist sicher). Ja, puh!, Ketten da! Gut, raus. Zack-Zack! Oder eben nicht so zackig zack-zack. Geht halt im Ernstfall immer ein Quäntchen langsamer. Hat ja jetzt auch Schnee. Nicht nur eine Trockenübung und ja-ja, Meister, wir wissen wie's geht, lass nur. Jetzt gilt's ernst! Was in deiner Vision ein Kinderspiel war, war in echt eine harte Stunde Arbeit. Unter widrigsten Bedingungen. Aber, du hast es geschafft!
Das ist Winter!
Und irgendwie auch schön so, oder?
(ein kleines Weihnachtsmärchen
- nicht von ungefähr
Beste Grüsse
benjamin









